Das Kommen und Gehen auf dem unendlichen Ozean des Bewusstseins

Epigenetik - Das Wunder des Formbaren

Eine Reise durch das Grenzland der Sprache

Denkraum

Eine Reise durch das Grenzland der Sprache

Manchmal reicht ein einziger Satz, um innezuhalten. Der folgende stammt aus einer der ältesten philosophischen Traditionen Indiens und wurde mir vor kurzem zugetragen. Er hat mich nicht mehr losgelassen, nicht weil er eine Antwort liefert, sondern weil er zum Hinterfragen auffordert.

„In the infinite consciousness, in every atom of it, universes come and go like particles of dust in a beam of sunlight that shines through a hole in the roof. These come and go like ripples on the ocean.“

„Im unendlichen Bewusstsein, in jedem seiner Atome, entstehen und vergehen Universen wie Staubkörner in einem Sonnenstrahl, der durch ein Loch im Dach fällt. Sie kommen und gehen wie Wellen auf dem Ozean.“

Zugeschrieben wird der Satz Vasistha, überliefert in der Yoga Vasistha, einem der umfangreichsten philosophischen Texte des Advaita Vedanta. Die englische Fassung, in der er heute zirkuliert, stammt aus der Übersetzung von Swami Venkatesananda, veröffentlicht unter dem Titel Vasistha’s Yoga.

Das Bild, das hier gezeichnet wird, scheint einfach und offenbart doch eine ungeheure Weite. Universen, ganze Welten, werden zu Staubkörnern verkleinert, die kurz im Licht aufleuchten und wieder verschwinden. Nicht das Universum ist demnach das Größte, sondern das Bewusstsein, in dem es erscheint. Zwei Fragen drängen sich sofort auf. Leben wir tatsächlich in einem von vielen Universen? Und was genau ist das Bewusstsein, von dem hier die Rede ist?

Eines von vielen Universen?

In der Physik existieren tatsächlich ernstzunehmende Multiversum-Hypothesen, etwa die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik von Hugh Everett oder Modelle der Inflationskosmologie, wie sie unter anderem Andrei Linde vertritt. Keine dieser Theorien ist bislang experimentell bestätigt. Es sind mathematisch konsistente Modelle, aber ob sie der Wirklichkeit entsprechen, weiß bislang niemand. Innerhalb der Physik selbst ist umstritten, ob ein unbeweisbares Multiversum überhaupt noch als Wissenschaft gelten kann oder bereits Spekulation ist.

Vasistha meint mit Universen vermutlich ohnehin etwas anderes als Parallelwelten im physikalischen Sinn. Im Advaita Vedanta sind Universen eher aufeinanderfolgende oder gleichzeitige Erscheinungsformen der einen Wirklichkeit, vergleichbar mit Träumen, die entstehen und vergehen, während der Träumende bleibt.

Was moderne Neurowissenschaft dazu sagt

Der Psychiater Daniel Siegel, Begründer der interpersonellen Neurobiologie, geht in seinen Arbeiten über die klassische Sicht hinaus, der Geist sei nur das, was das Gehirn tut. Er unterscheidet drei Ebenen. Das Gehirn ist das verkörperte Organ, durch das Energie und Information fließen. Der Verstand ist der selbstorganisierende Prozess, der diesen Fluss reguliert. Bewusstsein ist der Teil dieses Prozesses, durch den wir uns der Welt und unserer eigenen Innenwelt bewusst werden.

In späteren Vorträgen nutzt Siegel dazu das Bild der Plane of Possibility, einer formlosen Quelle, aus der Bewusstsein und Erfahrung hervorgehen, angelehnt an die Sprache der Quantenphysik zu Potentialität. Siegel selbst bezeichnet das ausdrücklich als Metapher, nicht als physikalische Behauptung über das Universum. Er bleibt naturwissenschaftlich vorsichtig.

Genau hier zeigt sich der Unterschied zu Vasistha deutlich. Siegel erweitert, wo Bewusstsein entsteht, vom Gehirn allein auf Gehirn, Körper und Beziehungen, bleibt aber bei der Annahme, dass Bewusstsein aus einem Prozess hervorgeht. Vasistha kehrt die Reihenfolge vollständig um. Dort ist Bewusstsein nicht das Ergebnis eines Prozesses, sondern der Grund, aus dem jeder Prozess, jedes Gehirn, jedes Universum überhaupt erst hervorgeht.

Redaktionelle Anmerkung: Ein Begriff wie das Nullpunktfeld der Quantenfeldtheorie wird gelegentlich herangezogen, um eine Brücke zwischen Physik und Bewusstsein zu schlagen. Das physikalische Nullpunktfeld selbst ist gut belegt, nachgewiesen unter anderem im Casimir-Effekt. Die Deutung, es sei ein universeller Informationsspeicher, der mit Bewusstsein interagiert, ist dagegen keine anerkannte physikalische Aussage, sondern eine Extrapolation über die Grenzen der Fachwissenschaft hinaus. Zwei bekannte Beispiele für diese Extrapolation sind die Autorin Lynne McTaggart und der Philosoph Ervin Laszlo, der in seinem Buch Science and the Akashic Field das Nullpunktfeld mit dem altindischen Konzept des Akasha-Feldes gleichsetzt und als universelles Gedächtnis des Kosmos beschreibt. Auch das ist eine philosophische These, keine physikalische.
Die Grenze der Sprache

Vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit gar nicht darin, dass wir noch nicht genug wissen. Vielleicht liegt sie darin, dass Sprache selbst für das, was hier gemeint ist, das falsche Werkzeug ist. Wittgenstein hat das so zugespitzt, worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Sprache funktioniert über Unterscheidung, dies ist das eine, jenes das andere. Bewusstsein, wie es in diesen Traditionen gemeint ist, soll aber gerade jenseits jeder Unterscheidung liegen. Kein Wunder, dass sowohl Vasistha als auch Siegel zu Bildern greifen, Staubkörner, ein Ozean, eine Ebene der Möglichkeit, statt zu Definitionen. Eine Metapher kann zeigen, wohin sie zeigt, ohne zu behaupten, das Gezeigte vollständig eingefangen zu haben.

Das berührt eine grundsätzliche Frage, die viele philosophische und spirituelle Traditionen auf unterschiedliche Weise umkreisen, kann Wahrheit überhaupt vollständig in Sprache gefasst werden? Der Semantiker Alfred Korzybski brachte das im zwanzigsten Jahrhundert auf eine einfache Formel, die Landkarte ist nicht das Gebiet. Sprache ist demnach immer nur eine Landkarte, Wahrheit die Landschaft selbst. Keine Karte kann die Landschaft vollständig abbilden, und doch kann eine gute Karte helfen, sich in ihr zu orientieren, ohne sie je zu ersetzen.

Genau an dieser Grenze setzt eine sehr alte Praxis aus dem Vedanta an, die zwei einfache Sanskrit-Formeln nutzt, um mit dieser Unbeschreibbarkeit umzugehen, statt sie in weitere Worte zu fassen.

Neti Neti und Iti Iti

Neti Neti, überliefert unter anderem in der Brihadaranyaka Upanishad, bedeutet wörtlich nicht dies, nicht das. Es ist eine Methode der Selbsterforschung, der Weg der Verneinung. Alles, was man wahrnehmen oder beschreiben kann, wird ausgeschlossen. Ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin nicht meine Gefühle. Ich bin nicht meine Rollen oder Eigenschaften. Durch dieses Ausschlussverfahren soll erkannt werden, was jenseits aller Begriffe und Identifikationen liegt, das wahre Selbst, Atman, beziehungsweise die letztendliche Wirklichkeit, Brahman.

Iti Iti bedeutet wörtlich dies, dies, oder auch dies. Es ist der Gegenpol, der Weg der Bejahung, und arbeitet nicht durch Ausschluss, sondern durch Einschluss. Statt die Welt zu verneinen, wird alles als Ausdruck derselben Wirklichkeit betrachtet. Dies ist göttlich, auch das ist göttlich, alles gehört zur einen Wirklichkeit.

Viele spirituelle Lehrer verstehen beide Wege nicht als Widerspruch, sondern als zwei aufeinanderfolgende Zugänge zur selben Erkenntnis. Zuerst hilft Neti Neti, falsche Identifikationen loszulassen. Danach vertieft Iti Iti die Erfahrung, dass alles mit allem verbunden ist. Was am Ende bleibt, ist nach dieser Lehre keine Leere im Sinne von Nichts-Sein, sondern das, was übrig bleibt, wenn man alles wegnimmt, was man beobachten kann, der Beobachter selbst, der mit Iti Iti dann wieder in allem wiedererkannt wird, nicht als Gegensatz zur Welt, sondern als ihr Grund.

Meister Eckharts brennende Kohle

Auf ganz anderem Boden, in der christlichen Mystik des Mittelalters, findet sich ein verwandtes Motiv. Meister Eckhart legt in seiner siebten Predigt gedanklich eine glühende Kohle auf die eigene Hand und fragt, was ihn eigentlich brennt. Seine Antwort ist überraschend, nicht die Kohle selbst, sondern das Nicht. Die Kohle hat etwas in sich, was die Hand nicht hat, die volle Feuernatur. Genau dieser Unterschied, dieses Fehlen, ist es, was schmerzt. Hätte die Hand dieselbe Feuernatur, könnte das Feuer sie nicht mehr verbrennen, dann wäre die Hand selbst Feuer. Eckhart überträgt dieses Bild auf die Trennung der Seele von ihrem Ursprung, nicht ein äußeres Feuer quäle, sondern das Nicht, das Fehlen der Einheit.

Drei unabhängige Traditionen, Vedanta, christliche Mystik und moderne Bewusstseinsforschung, kreisen damit um dasselbe Grundmuster. Der Unterschied zwischen dem, was man ist, und dem, was man vom eigenen Ursprung getrennt zu sein scheint, gilt jeweils als Ursache von Leid oder Nichtwissen. Auflösung geschieht dabei nicht durch mehr Wissen, sondern durch das Erkennen, dass diese Trennung selbst keinen wirklichen Bestand hat.

Eine Einladung

Stell dir vor, du sitzt in einem Kino, ganz vorne, erste Reihe. Auf der Leinwand läuft ein Film mit dem Titel, Der Film deines Lebens. Du schaust dir selbst zu, wie du in diesem Film agierst.

Nach einer Weile steht ein Teil von dir auf, während du dir selbst zuschaust, und taucht in den Film ein. Er erlebt, spürt, riecht und schmeckt alles, was geschieht. Das sind bereits zwei Erlebensperspektiven zugleich.

Kurz darauf steht ein weiterer Teil von dir auf und setzt sich in die Mitte des Kinosaals. Er beobachtet dich in der ersten Reihe, wie du den Film schaust und ihn gleichzeitig erlebst. Das wäre die dritte Perspektive.

Und dann steht noch ein Teil deines Selbst auf und setzt sich oben in die Galerie. Er beobachtet dich, wie du dich selbst beobachtest, während du im Film deines Lebens mitspielst.

Die westliche Frage lautet, wie lösen wir das. Halte hier kurz inne und frage stattdessen, wer beobachtet das eigentlich.

Denkraum

Krishnamurti sagte einmal, die Wahrheit sei ein pfadloses Land. In den Klangtraditionen Indiens gibt es die Vorstellung eines tonlosen Tons, Anahata Nada, eines Klangs, der nicht durch das Aneinanderschlagen von etwas entsteht.

Vielleicht findest du deine eigene Antwort dort, wo diese Zeilen aufhören.
Nachwort

Dieser Text will dich zu nichts überreden. Er stellt drei Sichtweisen nebeneinander, eine alte indische, eine christlich-mystische und eine naturwissenschaftliche, und keine von ihnen beansprucht hier das letzte Wort. Sie widersprechen sich in Teilen, und das dürfen sie. Ich halte es nicht für nötig, diesen Widerspruch aufzulösen.

Was mich an diesen unterschiedlichen Zugängen berührt, ist weniger, wer recht hat, sondern dass Menschen über Jahrtausende und über Kulturen hinweg an derselben Grenze standen und ehrlich zugegeben haben, dass sie dort an ein Ende der Worte kommen. Diese gemeinsame Ehrlichkeit scheint mir wertvoller als jede einzelne Antwort.

Wenn du beim Lesen an einer Stelle innegehalten hast, an der du sonst weitergelesen hättest, dann hat der Text getan, was er tun sollte. Nimm mit, was dir stimmig erscheint, lass liegen, was dir fremd bleibt, und prüfe beides in deinem eigenen Tempo. Ein Denkraum ist kein Ort, an dem fertige Überzeugungen ausgegeben werden, sondern einer, in dem eigene Gedanken Platz zum Wachsen finden.

Quellen

[1] Swami Venkatesananda, Vasistha’s Yoga (The Divine Life Society, 1976), Übersetzung der Yoga Vasistha.

[1b] Swami Venkatesananda, The Concise Yoga Vāsiṣṭha (State University of New York Press, 1985), ISBN 978-0873959544, gekürzte Ausgabe derselben Übersetzung.

[2] Daniel J. Siegel, Mind: A Journey to the Heart of Being Human (W. W. Norton, 2016), sowie Mindsight (Bantam, 2010).

[3] Brihadaranyaka Upanishad, klassische Quelle der Neti-Neti-Lehre im Jnana Yoga. Iti Iti wird in derselben Tradition als ergänzende Bejahungspraxis überliefert, ohne eine einzelne feste Ursprungsstelle.

[4] Meister Eckhart, Predigt 7, Vom innersten Grunde, in: Meister Eckharts mystische Schriften, übertragen von Gustav Landauer (1903).

[5] Lynne McTaggart, Das Nullpunkt-Feld (Goldmann, 2007), als Beispiel populärwissenschaftlicher Deutung des physikalischen Nullpunktfelds.

[5b] Ervin Laszlo, Science and the Akashic Field, An Integral Theory of Everything (Inner Traditions, 2004, überarbeitete Auflage 2007), Gleichsetzung von Nullpunktfeld und Akasha-Feld.

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