Neuroplastizität, Hirnforschung, Lernen, Wahrnehmung, Wissenschaft

Lernen durch Beobachtung – wie unser Gehirn sich selbst formt

Digitale Gesellschaft · Neurobiologie · Serie · Teil 3

Spiegelneuronen-Zauber - rolandgehweiler.de

Tief im Gehirn sitzt ein System, das nicht analysiert, sondern nachahmt. Es übersetzt die Handlungen, Absichten und Zustände anderer Menschen direkt in eigene neuronale Aktivität, schneller als jeder Gedanke, unmittelbarer als jedes Urteil. Es ist die biologische Wurzel von Empathie, Imitation und Lernen. Und es verhungert, während wir scrollen.

Die Entdeckung, die alles veränderte

Ein Zufall in Parma

Es war ein heißer Sommertag in einem Neurowissenschaftslabor in Parma. Ein Makake, ein Affe dessen Gehirn, dem menschlichen erstaunlich ähnlich ist, saß angeschlossen an Elektroden, die seine Hirnaktivität maßen. Ein Forscher griff nach einem Eisbecher. Und das Gehirn des Affen feuerte, als hätte er selbst gegriffen.

Der Affe hatte sich nicht bewegt. Er hatte nur geschaut. Und sein Gehirn hatte mitgemacht.

Was Giacomo Rizzolatti und sein Team in den 1990er Jahren in Parma entdeckten, veränderte das Verständnis des menschlichen Gehirns grundlegend. Spiegelneuronen, Nervenzellen die sowohl beim Ausführen einer Handlung als auch beim Beobachten derselben Handlung aktiv werden. Das Gehirn spiegelt, was es sieht. Es simuliert innerlich, was es außen wahrnimmt.

Das Gehirn lernt nicht nur durch Tun. Es lernt durch Schauen, Fühlen und Nachahmen. Das ist keine Metapher. Das ist Biologie.

Die Funktion – Was Spiegelneuronen leisten

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Neuroplastizität – Die Kraft hinter lebenslangem Wandel

Digitale Gesellschaft · Neurobiologie · Serie · Teil 2

Mind-over-Matter - rolandgehweiler.de

Wann hast du zuletzt dein Gehirn trainiert.

Wir wissen mehr über unseren Bizeps als über das Organ, das jeden Gedanken, jede Entscheidung und jede Emotion erzeugt. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis einer Kultur, die Sichtbares belohnt und Unsichtbares vernachlässigt.

Ein seltsames Missverhältnis

Frag jemanden, wie er seinen Körper trainiert, und du bekommst eine präzise Antwort. Beinpresse, drei Sätze, zwölf Wiederholungen, zweimal die Woche. Progressionsplan, Proteinzufuhr, Regenerationszeit. Menschen verwalten ihren Körper mit einer Detailgenauigkeit, die beeindruckt.

Frag dieselbe Person, wie sie ihr Gehirn trainiert, und du bekommst meistens Schweigen. Oder eine vage Antwort: „Ich lese manchmal.“ Oder noch häufiger: „Das Gehirn trainiert sich doch von selbst.“

Tut es nicht. Und genau das ist der Punkt: Was wir nicht kennen, können wir auch nicht vermissen. Wer nie erfahren hat, was ein trainiertes Gehirn leisten kann, sieht keinen Grund, etwas zu verändern. Und wer keinen Grund zur Veränderung sieht, bleibt bequem, und das System sorgt dafür, dass es am besten so bleibt.

Das Gehirn formt sich nach dem, womit du es füllst. Wer das dem Zufall überlässt, überlässt es dem Algorithmus.

Was wir wissen und was nicht

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Der Gott, dem wir unser Gehirn opfern

Digitale Gesellschaft · Neurobiologie · Serie · Teil 1

Digitale Gesellschaft · Kritik & Ausblick - RolandGehweiler.de

Neurobiologie · Kreativität · Digitale Gesellschaft · Kritik & Ausblick

Der Algorithmus hat Religion ersetzt, soziale Medien sind seine Kathedralen, und wir zahlen den Zehnten in einer Währung, die wir noch nicht vollständig begreifen: unserer neuronalen Kapazität.

Eine neue Gottheit mit präzisen Priestern

Religionen bieten Rituale, Gemeinschaft, Glaubenssätze und das Versprechen von Bedeutung. Der moderne Algorithmus tut dasselbe, nur mit einer Präzision, die keinem menschlichen Klerus je gelungen wäre. Das tägliche Scrollen ist das Morgengebet. Der Like ist die Kommunion. Die Filterblase ist der Katechismus, der entscheidet, was wahr ist und was Häresie.

Das wäre alles noch erträglich, wenn der Preis nur Zeit wäre. Aber er ist es nicht. Was wir abgeben, ist fundamentaler: kognitive Fähigkeit, Aufmerksamkeitstiefe, kreatives Potenzial. Und das Gehirn, so lehrt uns die Neurobiologie, vergisst nicht zu vergessen, was es nicht mehr braucht.

„Use it or lose it“ ist keine Motivationsparole. Es ist dokumentierte Biologie, und sie gilt für jeden Cortex auf diesem Planeten.

Der neurobiologische Befund

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Studie – Meditation verlangsamt Hirnalterung

Das Gehirn...Forever Young(er), die Anti-Aging-Wirkung von Meditation: Obwohl sich die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung seit den 1970er Jahren um fast 10 Jahre verlängert hat (was enorm ist), geht diese deutlich erhöhte Lebensspanne aber auch mit einigen biologischen Problem einher: Darunter entstehen immer häufiger Probleme mit unserem wichtigsten Organ, dem Gehirn.

Ab Mitte 20 beginnt unser Gehirn zusehends abzubauen und mit dem Rückgang von Volumen und Inhalt verliert es nach und nach funktionale Fähigkeiten. Das Risiko mentaler und neurodegenerativer Krankheiten steigt. Dazu kommen Lern- und Denkprobleme, schnelles Vergessen, schlechtes Erinnern aber auch Depressionen und Ängste – nicht selten Versagensängste, das ständige Gefühl überfordert zu sein, nicht mithalten zu können, Stress- Leistungsdruck und Anspannung verstärken diese negativen Zustände weiter.

Nun konnten US-Forscher in einer neuen Studie zweifelsfrei nachweisen, dass Meditation dem altersbedingten Verlust der sogenannten grauen Hirnsubstanz entgegenwirken kann. Das Forscherteam um Dr. Florian Kurth vom Brain Mapping Center der University of California in Los Angeles (UCLA) berichtete darüber im Fachjournal „Frontiers in Psychology“.

Die Forscher gründeten die aktuelle Studie auf eine frühere Untersuchung, die nahelegte, dass Menschen, die regelmäßig meditieren, weniger altersbedingten Verlust der weißen Hirnsubstanz aufweisen als Menschen die NICHT regelmäßig meditieren.

In der neuen Studie zeigen die Forscher um Dr. Florian Kurth, wie durch Meditation auch die graue Hirnsubstanz, in dem sich die Neuronen (die Hirn-Nervenzellen) befinden, vor der Degeneration geschützt werden kann.

Hierzu untersuchten die Wissenschaftler die Verbindung zwischen Alter und der grauen Hirnsubstanz und verglichen hierzu 50 Menschen im Alter von 24 bis 72, die schon seit durchschnittlich 20 Jahren meditieren, mit einer Kontrollgruppe von 50 Nicht-Meditierenden.

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Die Welt zwischen Ihren Ohren

dasGehirn.info website
Im Gehirn gibt es unendlich viel zu entdecken. Es geht um Wahrnehmungen und Wahrnehmungstäuschung, ums Denken und Denkfehler. Und das Handeln in allen Facetten.

Von außen macht das Gehirn nicht viel her. Doch innen ist es größer als außen. Es steuert die kleinste autonome Körperfunktion und erlebt die größten Gefühle. Es ersinnt Strategien, ist altruistisch und nicht zuletzt ermöglicht es: uns. Biologie, Psychologie, Philosophie – kein anderes uns bekanntes Objekt ist vergleichbar vielfältig. Und so ist das Gehirn vor allem eines: ein Wunder.

Entsprechend viel gibt es über das Gehirn zu sagen. Und das tun wir bei dasGehirn.info, dem größten deutschsprachigen Portal zum Gehirn.

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Der Mutmacher – Interview mit Gerald Hüther

Gerald_HuetherVon Martin Frischknecht
Als Professor leitet er eine Fachstelle für neurobiologische Präventionsforschung und ist Autor von Studien und Fachbüchern zur Hirnentwicklung. Zugleich und hauptsächlich ist Gerald Hüther ein warmherziger, nahbarer Mensch, einer, der Dinge beim Namen nennt und andere inspiriert.

SPUREN: Herr Hüther, Sie haben sich ausgiebig mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen es dem Menschen, namentlich in der Kindheit, gelingt, sein Potenzial zu entfalten. Haben Sie persönlich in Ihrem Leben einfach ein gutes Los gezogen, dass Ihnen das in der Kindheit weitgehend möglich war?

Gerald Hüther: Sicherlich gehört da auch Glück dazu. Ich bin in Thüringen in der ehemaligen DDR auf einem Hof mit Wassermühle grossgeworden. Wir waren an die zehn Cousins und Cousinen und lebten in altersgemischten Spielgruppen, die sich die Welt mehr oder weniger selber erschlossen, ähnlich wie Astrid Lindgrens Bullerbü. Da lernt man natürlich unglaublich viel, nicht so sehr von den Erwachsenen oder im “Frühförderunterricht”, sondern von den älteren Kindern, die sich schon etwas besser auskennen. Man ist in diesen Gruppen sehr stark verankert, weiss, dass man gebraucht wird – jeder auf seine Weise. Der Dreijährige hat eine genauso wichtige Funktion wie der Fünfzehnjährige, weil jeder auf seine Weise etwas zu dem Spass und zu der Freude beitragen kann, die man zusammen hat. Manch eine Aufgabe lässt sich nur gemeinsam bewältigen. Das sind schon sehr günstige Voraussetzungen, wie sie viele junge Menschen in dieser Form heute kaum mehr finden.

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