Vom Ich zum Wir – Bildung braucht Kontext

Kommunikation ist keine Einbahnstraße

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Bildung · Kontext · Verantwortung

Vom Ich zum Wir

Warum Bildung mehr Kontext braucht

Wir leben in einer Zeit, in der Wissen nahezu unbegrenzt verfügbar ist. Noch nie konnten Menschen so schnell auf Daten, Forschung, Erklärungen und unterschiedliche Sichtweisen zugreifen. Trotzdem führt mehr Information nicht automatisch zu besseren Entscheidungen.

Das ist zunächst erstaunlich. Wenn wir mehr wissen, müssten wir doch eigentlich vernünftiger handeln.

Offenbar reicht Wissen allein nicht aus.

Wir können wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und trotzdem ausschließlich den eigenen Vorteil verfolgen. Wir können sehr genau über ökologische Folgen informiert sein und Entscheidungen treffen, die diese Folgen ausblenden. Wir können wissen, wie sehr Menschen auf Gemeinschaft angewiesen sind, und dennoch in Strukturen leben, die Konkurrenz, Abgrenzung und Selbstbehauptung belohnen.

Vielleicht fehlt uns deshalb weniger Wissen als ein größerer Zusammenhang.

Wissen sagt uns, was ist. Kontext hilft uns zu verstehen, was es bedeutet. Und aus diesem Verständnis entsteht die Frage, wie wir handeln wollen.

Handlung und innere Freiheit

Damit sind wir bei einer Frage angelangt, die sehr alt ist.

Die Bhagavad Gītā beschäftigt sich intensiv mit dem Verhältnis von Handlung, innerer Freiheit und Verantwortung. Arjuna soll handeln. Er soll sich seiner Aufgabe stellen und sich nicht aus der Welt zurückziehen. Gleichzeitig soll er lernen, sich nicht an die Früchte seines Handelns zu binden.

In Kapitel 4 wird beschrieben, dass Handlungen denjenigen nicht binden, der das Wesen des Handelns und des Selbst wirklich erkannt hat. Die nach Befreiung Strebenden früherer Zeiten hätten aus diesem Verständnis heraus gehandelt.

Nicht das Handeln selbst erzeugt zwangsläufig Verstrickung. Entscheidend ist auch die innere Haltung, aus der heraus gehandelt wird.

Wer sagt: „Ich habe das getan. Der Erfolg gehört mir. Das Ergebnis muss meinen Vorstellungen entsprechen“, verbindet sich auf eine andere Weise mit seinem Tun als jemand, der verantwortlich handelt, ohne sich innerlich zum Besitzer des gesamten Geschehens zu machen.

Die Handlung bleibt. Aber der Anspruch des Ichs verändert sich.

Drei Traditionen, ein Berührungspunkt

Genau hier entsteht eine interessante Nähe zum taoistischen Wu Wei.

Wu Wei wird häufig als „Nicht-Handeln“ übersetzt. Das kann leicht zu dem Missverständnis führen, es gehe um Passivität oder darum, sich aus dem Leben herauszuhalten. Tatsächlich beschreibt Wu Wei eher ein Handeln ohne unnötiges Erzwingen.

Man handelt, ohne ständig gegen den natürlichen Verlauf der Dinge anzukämpfen. Man versucht nicht, alles durch den eigenen Willen zu kontrollieren. Das bedeutet keineswegs, dass man untätig wird. Im Gegenteil. Ein Mensch kann sehr klar, sehr entschlossen und sehr wirksam handeln und dennoch auf das zwanghafte Bedürfnis verzichten, alles beherrschen zu müssen.

Bhagavad Gītā
Handeln ohne Bindung
Arjuna soll handeln, aber lernen, sich nicht an die Früchte seines Handelns zu binden.
Taoismus
Wu Wei
Wirksam handeln ohne zwanghaftes Kontrollieren. Nicht Passivität, sondern Handeln im Einklang.
Johannesevangelium
„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“
Das eigene Ich ist nicht mehr das letzte Maß aller Dinge.
Michael Beckwith
Channel Consciousness
Nicht nur: Was will ich vom Leben? Sondern: Was möchte durch mich in die Welt kommen?

Natürlich sind Bhagavad Gītā, Taoismus, Christentum und Beckwiths Denken nicht dasselbe. Ihre Vorstellungen von Gott, Selbst und Wirklichkeit unterscheiden sich zum Teil erheblich. Man sollte diese Unterschiede nicht verwischen.

Gerade deshalb ist ihre Berührung interessant. Sie treffen sich an einem bestimmten Punkt: Dort, wo das egozentrierte Ich seinen Anspruch auf absolute Kontrolle verliert.

Vom Einzelwesen zum Zusammenhang

Was geschieht, wenn dieser Anspruch schwächer wird?

Wer sich vor allem als unabhängiges Einzelwesen versteht, stellt verständlicherweise Fragen wie: Was bringt mir das? Wie sichere ich meinen Vorteil? Was bekomme ich dafür?

Diese Fragen sind nicht grundsätzlich falsch. Jeder Mensch muss für sich sorgen, Grenzen setzen und eigene Interessen vertreten können. Problematisch wird es erst, wenn diese Perspektive die einzige bleibt.

Versteht sich ein Mensch dagegen als Teil eines größeren Zusammenhangs, treten weitere Fragen hinzu:

Welche Folgen hat meine Entscheidung für andere?
Was hinterlasse ich denen, die nach mir kommen?
Welche Kosten meines Wohlstands tragen Menschen, die ich nie sehen werde?
Welche Verantwortung entsteht daraus, dass mein Handeln fast immer in Beziehungen und Systeme eingebettet ist?

An diesem Punkt wird Metaphysik erstaunlich praktisch.

Menschen handeln niemals völlig unabhängig von ihrer Vorstellung darüber, wer sie sind und in welcher Art von Welt sie leben. Unser Menschenbild prägt unsere Werte. Unsere Werte prägen unsere Entscheidungen. Und Entscheidungen haben Folgen.

Nachhaltigkeit als Haltung

Das zeigt sich besonders deutlich beim Thema Nachhaltigkeit.

Wenn Nachhaltigkeit lediglich als technisches Problem verstanden wird, suchen wir effizientere Maschinen, bessere Materialien, neue Energiequellen und klügere Verfahren. All das ist notwendig. Aber es beantwortet noch nicht die Frage, warum wir überhaupt nachhaltig handeln sollten.

Wenn ich mich als Teil eines größeren Zusammenhangs begreife, wird es schwieriger, die Folgen meines Handelns vollständig nach außen zu verlagern. Die Lebensbedingungen künftiger Generationen sind dann keine abstrakte Größe. Sie werden Teil meiner heutigen Verantwortung.

So verstanden ist Nachhaltigkeit nicht nur Ressourcenmanagement. Sie ist Ausdruck eines Menschenbildes.

Die Bildungsaufgabe

Was ein Mensch nicht kennt, kann er nicht bewusst wählen. Dieser Satz klingt selbstverständlich, hat aber weitreichende Konsequenzen.

Eine Möglichkeit, die außerhalb meines geistigen Horizonts liegt, steht mir nicht als wirkliche Wahl zur Verfügung. Bildung erweitert deshalb nicht nur unser Wissen. Sie erweitert den Raum dessen, was wir überhaupt denken können.

Das bedeutet nicht, jungen Menschen eine bestimmte spirituelle oder metaphysische Weltanschauung zu vermitteln. Bildung darf nicht zur Indoktrination werden. Aber sie sollte Horizonte öffnen.

Ein junger Mensch sollte erfahren können, dass Menschen seit Jahrtausenden darüber nachdenken, was ein gelungenes Leben ausmacht. Er sollte wissen dürfen, dass es sehr unterschiedliche Antworten auf Fragen nach Freiheit, Verantwortung, Sinn und einem guten Leben gibt. Und er sollte ebenso lernen, solche Vorstellungen kritisch zu prüfen.

Nicht zu sagen, was ein Mensch denken soll. Sondern ihm genug zu zeigen, damit er überhaupt wählen kann.

Wir bilden Menschen darin aus, wie Wirtschaft funktioniert, wie Technik funktioniert, wie Organisationen funktionieren und wie man innerhalb dieser Systeme erfolgreich wird. Das ist wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Frage, welchem Zweck diese Systeme dienen sollen.

Wir brauchen Menschen, die nicht nur effizient entscheiden können, sondern auch die Reichweite ihrer Entscheidungen erkennen. Menschen, die Erfolg nicht ausschließlich daran messen, was sie für sich selbst gewinnen. Menschen, die Individualität und Verbundenheit nicht als Gegensätze betrachten.

Weniger Ich bedeutet dabei nicht weniger Persönlichkeit. Es bedeutet nicht Selbstaufgabe und auch nicht Passivität. Es bedeutet, das eigene Ich nicht zum einzigen Maßstab zu machen.

Vielleicht verändert sich genau an diesem Punkt auch unser Verständnis von Fortschritt. Fortschritt wäre dann nicht nur schneller, größer, effizienter oder profitabler. Er müsste sich auch daran messen lassen, ob unsere Entscheidungen dem Leben dienen, Beziehungen stärken und Möglichkeiten erhalten, statt sie zu verbrauchen.

Der Schritt vom Ich zum Wir beginnt nicht mit einer moralischen Forderung, sich selbst zurückzunehmen. Er beginnt mit Erkenntnis: mit dem Bewusstsein, dass niemand für sich allein existiert und dass nahezu jede Entscheidung in größere Zusammenhänge hineinwirkt.

Bildung ist nicht nur zu vermitteln, wie die Welt funktioniert – sie soll Menschen dazu befähigen, ihren Platz in der Welt bewusster zu verstehen.

Kommunikation ist keine Einbahnstraße