Von der Kunst des stillen Neubeginns
„…so bist Du fort und fort gediehen
nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.
…geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“
Johann Wolfgang von Goethe
Das Lebendige, diese in uns innewohnende schöpferische Lebenskraft, strebt unaufhaltsam nach Einswerdung. Durch diese strebende Kraft reifen und wachsen wir, durch unser Sein, durch das was wir erleben und wie wir dem Leben begegnen. Unser Wissen und unsere gelebten Erfahrungen erweitern sich stetig, denn wir können nicht nicht lernen. Ob bewusst oder unbewusst: das Lernen hört nie auf. Doch das meiste davon verbleibt und wirkt im Verborgenen, versinkt tief ins Unbewusste, abgelegt und archiviert, aber nicht vergessen, manchmal vergraben, oft verschüttet.
Und genau dort beginnt das Drama: Diese Prägungen, das tiefe Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit und all die längst vergessenen Geschichten wirken in uns fort. Sie hindern uns daran, uns dem Fluss des Lebens hinzugeben und dem Urgrund des Seins mit Weite und offenem Herzen zu begegnen. Stattdessen begrenzen wir uns immer wieder selbst, aus dem Wunsch nach Wiederholbarkeit und dem trügerischen Gefühl von Sicherheit. Stillstand kann erstaunlich bequem sein. Und genau das macht ihn so verführerisch.
Diese Bequemlichkeit hat ihren Preis. Sie betäubt unser natürliches Streben nach dem Eigentlichen, dem Schöpferischen; sie lähmt unseren Sinn für die uralte Wahrheit, dass Unbeständigkeit das Wesen unseres Seins ist und wir uns immerfort wandeln.
Diese Begrenzungen sind wie alte Knoten aus der Vergangenheit, nicht weil sie stark sind, sondern weil wir ihren Grenzen eine Autorität verleihen, die sie längst verloren haben. Bei näherer Betrachtung sind diese Knoten, überholt, alt und morsch. Sobald wir sie berühren, zerfallen sie zu Staub. Die gebundene Energie löst sich, strömt befreit und verbindet sich mit dem gegenwärtigen Augenblick, im Gewebe des Lebendigen. Die alten Knoten müssen nicht gelöst werden; sie lösen sich auf. Von selbst. Sobald wir aufhören, sie zu fürchten.
Die Verwandlung offenbart sich im Tun: Ein Virtuose erlangt Meisterschaft nur durch beharrliches Üben, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Er bleibt neugierig, bescheiden, offen für das was kommt, und erfreut sich am Wandel. Wahre Meisterschaft ist kein Ziel; sie ist ein lebendiger Prozess des Offenbleibens, ein beständiges Werden im Strom des Nichtwissens. Ein Feld ungeahnter Möglichkeiten, das sich nur dem öffnet, der bereit ist loszulassen. In der Bescheidenheit des Nichtwissens liegt die größte Weisheit für eine fließende Erneuerung.
Es gibt einen Schlüssel, der uns den Weg zum Urgrund erschließt. Meister Eckhart benennt ihn:
„Darum fange erst bei dir selber an und lass dich selber sein! Wahrlich, wenn du nicht zuerst von dir selber fliehst, wohin du auch fliehen magst, da wirst du Hindernis und Unruhe finden, du seiest, wo du wollest. […] Wo du dich findest, da lass ab von dir: Das ist das Allerbeste.“
Was bedeutet das für uns? Nicht das Selbst zerstören, sondern das Bild loslassen, das wir von uns gemacht haben: die Rolle, die wir verteidigen, und die Geschichte, die wir uns erzählen. Erst wenn wir aufhören, uns an uns selbst festzuhalten, wird Raum frei für das, was wir wirklich sind, etwas was jenseits von Konzepten, Bedingtheit und unserem Selbstbild liegt.
Und dann – in dieser Stille nach dem Loslassen – entsteht etwas. Kein großer Aufbruch, kein lauter Neustart. Nur ein leises Erwachen in das, was immer schon da war, vergleichbar mit einem Samen, der im dunklen Erdreich auf seinen Moment gewartet hat, still, geduldig und bereit. Der Neubeginn braucht keine Anstrengung, keine Planung, kein Verdienen. Es ist der natürliche Atem des Lebens selbst, der einsetzt, sobald wir aufgehört haben, ihn zu blockieren. Das Leben beginnt immer neu, mit jedem Atemzug, mit jedem Augenblick der Offenheit. Denn nur das, was wir wässern, gedeiht. Und was gedeiht, strahlt aus, weit über uns hinaus, in das große Geflecht des Lebens.
Das Universum dehnt sich, in jedem Moment, in alle Richtungen aus – in uns, durch uns, als uns, mit uns. Weil wir nicht getrennt sind, wir sind Teil dieses Prozesses. Das Schöpferische wartet nicht irgendwo da draußen; es ist das, was wir im Kern sind. Schließe für einen Moment die Augen und spüre, wie sich auch dein Inneres stetig weitet, wie ein Raum im Raum. Es braucht kein Festhalten, nur die Bereitschaft, sich dem vertrauensvoll zu öffnen, sich hinzugeben in das was wir immer schon sind.
Ein Faden im Gewebe des Lebendigen.

