Der Mutmacher – Interview mit Gerald Hüther

Gerald_HuetherVon Martin Frischknecht
Als Professor leitet er eine Fachstelle für neurobiologische Präventionsforschung und ist Autor von Studien und Fachbüchern zur Hirnentwicklung. Zugleich und hauptsächlich ist Gerald Hüther ein warmherziger, nahbarer Mensch, einer, der Dinge beim Namen nennt und andere inspiriert.

SPUREN: Herr Hüther, Sie haben sich ausgiebig mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen es dem Menschen, namentlich in der Kindheit, gelingt, sein Potenzial zu entfalten. Haben Sie persönlich in Ihrem Leben einfach ein gutes Los gezogen, dass Ihnen das in der Kindheit weitgehend möglich war?

Gerald Hüther: Sicherlich gehört da auch Glück dazu. Ich bin in Thüringen in der ehemaligen DDR auf einem Hof mit Wassermühle grossgeworden. Wir waren an die zehn Cousins und Cousinen und lebten in altersgemischten Spielgruppen, die sich die Welt mehr oder weniger selber erschlossen, ähnlich wie Astrid Lindgrens Bullerbü. Da lernt man natürlich unglaublich viel, nicht so sehr von den Erwachsenen oder im “Frühförderunterricht”, sondern von den älteren Kindern, die sich schon etwas besser auskennen. Man ist in diesen Gruppen sehr stark verankert, weiss, dass man gebraucht wird – jeder auf seine Weise. Der Dreijährige hat eine genauso wichtige Funktion wie der Fünfzehnjährige, weil jeder auf seine Weise etwas zu dem Spass und zu der Freude beitragen kann, die man zusammen hat. Manch eine Aufgabe lässt sich nur gemeinsam bewältigen. Das sind schon sehr günstige Voraussetzungen, wie sie viele junge Menschen in dieser Form heute kaum mehr finden.

Was war dabei die Funktion der Eltern?
Die Eltern bildeten den sicheren Hafen, in den man jederzeit zurückkehren konnte, wenn es dann nicht mehr weiterging. Von den Eltern kamen auch klare Vorgaben, was erlaubt war und was nicht. Das war’s dann aber auch. In Scheunen mit Feuer spielen, das war verboten. Ausserhalb von Scheunen durften wir das aber tun. Die Gegend um das Mühlrad herum war für uns tabu. Davor oder dahinter aber durften wir machen, was wir wollten. Nur wo‘s lebensgefährlich wurde, dort haben die Eltern eingegriffen, alles andere wurde offengelassen.

Bei Ihren Veröffentlichungen klingt etwas an von “Bessere Hirnnutzung, mehr Erfolg”.

Das stimmt, glaube ich, gar nicht.

Statt von “Erfolg” sprechen Sie lieber von “Gelingen”. Warum haben Sie diesen Begriff gewählt?

In unserer gegenwärtigen Gesellschaft ist es ja nicht so, dass diejenigen am erfolgreichsten sind, die besonders komplexe Vernetzungen in ihrem Hirn herausgebildet haben. Im Gegenteil: Heute wird man dann besonders erfolgreich sein, wenn man in seinem Hirn eher weniger komplexe Vernetzungen besitzt.
Das ist eine Perversion unserer Leistungsgesellschaft: Die Rücksichtslosen, am wenigsten Achtsamen und Umsichtigen, also diejenigen, die nicht langfristig, sondern immer nur kurzfristig denken können, sind ja heute meist die Erfolgreichsten.
Das ist ähnlich wie beim Fussball: Wenn ein Stürmer lange nachdenkt, wo er denn hinschiessen soll, trifft er das Tor nie. Für Erfolg – und darunter verstehen wir in unserer Sprache derzeit ja immer nur den kurzfristigen Erfolg – ist offenbar gar nicht viel Hirn erforderlich. Fast könnte man sagen: Je einfacher, desto besser.
Langfristiger Erfolg ist etwas anderes, und das verdient auch einen anderen Namen. Wir bezeichnen das in der deutschen Sprache mit dem Wort “Gelingen”. Wir verwenden dieses Wort, wenn es um wirklich komplizierte Sachen geht, bei denen man sich richtig reinlegen muss, damit es gut her-auskommt: Bildung kann gelingen, Partnerschaft kann gelingen, ein Leben kann gelingen. In dem Wort steckt etwas Wunderbares: Indem man es sagt, gibt man zu, dass man weiss, wie es richtig wäre.
Das lässt sich in seiner Tragweite eigentlich gar nicht richtig fassen. Wenn ich sage, ein Kirschkuchen sei gelungen, dann gebe ich zu, dass ich ein inneres Bild davon habe, wie er sein könnte. Auch wenn ich das über eine Partnerschaft sage, wenn ich das über Bildung oder über ein Leben sage, gebe ich zu, dass ich eigentlich weiss, wie es richtig wäre.
Und noch etwas steckt in dem Wort “Gelingen”: Man kann es nicht machen. Das ist vielleicht die grösste Revolution, die derzeit im Bereich der biologischen Wissenschaften ansteht. Wir sprechen von Autopoiesis und von Selbstorganisation, aber das sind Begriffe, mit denen die meisten Menschen noch nicht sehr viel anfangen können. Im Grunde heisst es nichts anderes, als dass lebendige Systeme sich aus sich selbst heraus entwickeln, und dass man bestenfalls dafür sorgen kann, dass sie günstige Rahmenbedingungen finden, damit sie das, was in ihnen steckt, zur Entfaltung bringen können.
Sie können kein Kind erziehen. Aber Sie können einem Kind einen Rahmen bieten, in dem es die Erfahrungen machen kann, die notwendig sind, damit wir später sagen können: “Das ist ein gut erzogenes Kind.” Sie können auch kein Kind unterrichten, weil sich das Kind diese ganzen Netzwerke selbst ins Hirn bauen muss. Wir können nur einen Rahmen bieten, in dem das Kind eingeladen und ermutigt wird, das auch zu tun.
Sie können auch keinen anderen Menschen motivieren. Sie können ihn nur einladen, ermutigen und inspierien, dass er das will, was sie sich für ihn wünschen. Deshalb ist all das, was wir an Dressur und Abrichtungsmethoden aus dem letzten Jahrhundert in dieses Jahrhundert herübergeschleppt haben, obsolet. Mit Belohnungen, Belehrungen und Bestrafungen wird es nicht mehr gehen. Diese Methoden entmündigen, sie führen aus der Eigenverantwortung, und sie sind der Versuch, einen anderen wie ein Objekt nach seinem Willen zu formen. Und so ein Objekt ist immer weit weg von dem, was eigentlich an Potenzial in diesem Menschen gesteckt hätte und was herausgekommen wäre, wenn man ihn als Subjekt wahrgenommen hätte.

In Ihrem Buch Was wir sind und was wir sein könnten sprechen Sie davon, dass sich solche Dinge nicht machen lassen, sondern dass sie sich offenbaren. Auch von Gnade ist die Rede im Gegensatz zur Machbarkeit.

Ich glaube, der Machbarkeitsbegriff stammt aus dem Maschinenzeitalter. Im Mittelalter hiess es noch, man könne es nicht machen, es müsse Gnade sein. Später kam dieser Machbarkeitswahn, und der hat dazu geführt, dass sich die Menschen einbildeten, sie könnten die Rolle des lieben Gottes übernehmen und nun alles selber machen. Für Maschinen mag das gelten, aber es gilt nicht für den lebendigen Menschen und auch nicht für Tiere. Wenn wir es dennoch probieren, bekommen wir ein abgerichtetes Geschöpf, das nicht mehr Herr seiner selbst ist.

Gnade und Offenbarung – sind Sie ein religiöser Mensch?

Nein, mit Religiosität hat das überhaupt nichts zu tun. Da stecken Sie mich in eine völlig falsche Kiste. Ich bin keiner religiösen Bewegung zugehörig. Aber ich bin sicher ein spiritueller Mensch.

Mich bekommen Sie auch in keine Schachtel.

Aber Sie sehen, wie schnell es geht, dass man andere in diese alten Kartons zu stecken versucht. Es geht doch in Wirklichkeit darum, dass der Mensch zum ersten Mal im Verlaufe seiner Geschichte in der Lage und auch dazu aufgerufen ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Das hat man nicht so gern, weil das immer ein wenig anstrengend ist. Man hätte es lieber, es würde jemand anders die Verantwortung übernehmen.
Aber so wird es nicht gehen. Denn wenn jemand anders die Verantwortung für einen übernimmt, dann ist man kein freier Mensch. Wenn man seine Potenziale nicht entfaltet, wird man immer nur ein Produkt des anderen, also auch zum Beispiel ein Produkt der medialen Werbeindustrie. Dann wird man Opfer und Konsument, aber nicht Selbstgestalter und Selbstentwickler.
Ich würde eigentlich gern Menschen um mich haben, die sich nicht als Opfer fühlen, sondern die sich mutig an die Gestaltung unserer Lebenswelt im 21. Jahrhunderts wagen. Die auch nicht das Gefühl haben, dass sie mit allem schon fertig sind, die nur noch als Besitzstandwahrer versuchen, alles festzuhalten, was sie bis hierher an materiellen und geistigen Besitzständen zusammengescharrt haben.
Dazu gehören eben auch all diese Vorstellungen, wie es zu sein hat. Ich würde Menschen gerne ermutigen, diese Rolle als Verteidiger ihres Besitzes loszulassen und in diese andere Rolle zu schlüpfen, die da heisst: Ich freue mich jeden Tag auf das, was dieser Tag mir bringt. Weil ich mich verändern kann. Ich brauche an nichts festzuhalten, sondern kann mich auf all das freuen, was an Neuem auf mich zukommt. Und je weniger ich festzuhalten habe, desto freier habe ich die Arme, um mich all dem zuzuwenden.

Sie betonen den Wert der Begeisterung für die Entfaltung des menschlichen Potenzials. Als Redaktor einer spirituellen Zeitschrift habe ich jedoch derart oft mit Begeisterten zu tun, dass es mir ein wenig schwerfällt, dem rückhaltlos beizupflichten.

Das kann ich gut nachvollziehen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen – ausgenommen vielleicht die Leser Ihrer Zeitschrift – sich extrem funktionalisiert wie Rädchen in einem Getriebe erleben. Und sie wollen ja auch funktionieren. Dazu nehmen sie solche Pillen, die als “Braindoping” oder “cognitive enhancers” angepriesen werden. Auch ihren Kindern sind sie bereit, entsprechende Pillen zu geben, damit diese ordentlich funktionieren. Auf der Strecke bleibt dabei vor allen Dingen dieses eine: die Freude am Leben.
Nun kann man den Menschen aber nicht zurufen: “Ihr habt keine Freude mehr am Leben!” Dem wird niemand so recht zustimmen. Aber man kann sagen: “Ihr habt etwas verloren, was das Schönste im Leben überhaupt ist, nämlich die Begeisterung.”
Dass man sich mit riesiger Begeisterung irgendetwas zuwenden kann, das ist vergleichbar mit dem Zustand der Verliebtheit. Ich selbst halte diesen Zustand der Begeisterung für keinen allzu günstigen Zustand, weil man dabei etwas zu sehr überschäumt. Der Mensch hat dabei nicht die Gelegenheit, das, was er erlebt, in seiner Ganzheit zu betrachten, sondern er wird von einem bestimmten Teilaspekt mitgerissen. Aber ein bisschen begeistert zu sein, macht schon Freude.

Leute, die mit Seilen gesichert von Brücken springen oder andere Extremsportarten ausüben, quetschen doch auch diesen Mechanismus in sich aus.
Begeisterung kann ja nur dort entstehen, wo etwas für jemanden bedeutsam ist. “Bedeutsam” ist eigentlich das Wort, das wir hier brauchen. Wenn etwas für mich selbst nicht bedeutsam ist, geht es mich nichts an. Und was macht etwas bedeutsam? Da stellt man fest, dass es Dinge gibt, die offenbar für alle Menschen bedeutsam sind: Zugehörigkeit und Verbundenheit ist so etwas. Auf der anderen Seite steht dem die Sehnsucht nach Freiheit und Autonomie gegenüber. Das sind Dinge, die hätten alle Menschen gerne. Und wenn es irgendwie klappt, dass diese beiden Bedürfnisse gleichzeitig gestillt werden, sind wir glücklich.
Wenn man aber nicht bekommt, was man eigentlich braucht, dann tut das weh. Dieser Schmerz muss irgendwie überwunden werden. Die häufigste Lösung, die viele Menschen in unserer Gesellschaft finden, um mit diesem Schmerz fertig zu werden, besteht darin, sich eine Ersatzbefriedigung zu suchen, an der man sich begeistern kann.
Man kann sich auch Schuhe kaufen und begeistert sein, man kann sich für Fussball begeistern, man kann sich für das Sammeln und Analysieren von Eulen interessieren und sich daran begeistern. Man kann sich an Computerspielen begeistern, man kann sich an Facebook begeistern, bis man den ganzen Tag nur noch mit seinen 1500 Facebook-Freunden verbringt.
Da wirkt überall dasselbe Prinzip: Mit der Begeisterung geht im Hirn immer auch eine Art Giesskanne an, und die betreffenden Netzwerke werden gedüngt. Deshalb heisst die Frage eigentlich nicht, ob Begeisterung gut oder schlecht ist. Vielmehr sollten wir uns fragen: Was ist im Leben eigentlich wirklich, wirklich wichtig? Worauf kommt es wirklich an? Was ist tatsächlich bedeutsam? Und was kann in unseren Augen bedeutsam werden – ersatzweise bedeutsam, sozusagen –, nur, weil wir das, was wir eigentlich brauchen, nicht finden?

In Ihrem jüngsten Buch Connectedness sagen Sie, es sei ein Gebot der Zukunft, im Gehirn aller Menschen ein verankertes inneres Bild der Verbundenheit zu erzeugen. Was meinen Sie damit?

Na ja, erzeugen kann das ja niemand. Aber es gibt inzwischen doch Erfahrungsräume, die dazu führen, dass sich das Selbstbild und vor allem das Bild von der Menschheit, das wir in uns haben, sehr stark verändert. Man sieht das am deutlichsten, wenn man heutzutage junge Menschen fragt, wer denn eigentlich dazugehört, wenn sie von “wir” sprechen. Die Antwort lautet häufig, das seien doch alle auf der Welt.
Diese Antwort erwächst aus der relativ neuen Erfahrung, dass heute alle miteinander in Kontakt treten können. Überall auf der Welt ist es möglich, Freunde zu finden. Das heisst, der andere wird auch als Mensch gesehen. Für die heranwachsende Generation ist es keine fremde Vorstellung mehr, dass alle Menschen in einem Boot sitzen und dass dieses ganze politische Gerangel mal langsam aufzuhören hat, dass wir uns alle gemeinsam auf den Weg machen müssten. Und dafür brauchen wir ein anderes Bewusstsein oder zumindest erstmal ein anderes Gefühl. Dieses andere Gefühl deutet sich bei der jungen Generation an. Die hat ein ganz anderes “Wir”-Gefühl als noch mein Grossvater. Der hat immer gesagt: “Wir, das ist unsere Familie hier auf der Mühle und dann noch ein paar Freunde.” Aber hinter dem Gartenzaun, spätestens hinter der Dorfgrenze, war Schluss mit dem Wir.
Das macht deutlich, wie sich diese Veränderungsprozesse sozusagen automatisch vollziehen. Wir können sie behindern, indem wir weiter an unseren alten Konzepten festhalten. Wir können sie behindern, indem wir einander weiter Angst machen, denn in der Angst geht’s immer nur rückwärts. Aber wir können sie auch befördern, indem wir einander Mut machen und einander einladen, indem wir versuchen, uns gegenseitig ein bisschen mehr zu inspirieren, das heisst, einander zu be-geistern statt zu ent-geistern.

Literatur:
Gerald Hüther und Christa Spannbauer: Connectedness. Huber Verlag, Bern 2012, 139 Seiten, €24,95

Gerald Hüther: Was wir sind und was wir sein könnten. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2012, 188 Seiten, € 18,95

 

Dieser Artikel erschien zuerst in Spuren WebSite: www.spuren.ch

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